Lauf, Junge, lauf!

Ein ganz besonderer Gänsehaut Moment meines Mama Daseins ereignete sich im Sommer 2015. Die Schule von M1 hatte zu einem Sponsorenlauf aufgerufen. Für die, die es nicht kennen: JedeR SchülerIN sollte innerhalb der Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis Leute ausfindig machen, die pro gelaufene Runde einen selbst festgelegten Betrag spenden. Sicherheitshalber, weil man ja schwer abschätzen kann, zu welchen Leistungen das Kind fähig ist, gab es die Möglichkeit einen Maximalbetrag festzulegen.

M1 hatte viele Unterstützer. Onkel, Tanten, Großeltern und natürlich auch wir trugen Beträge von 50 Cent bis zwei Euro ein. Einige setzten das Maximum bei 20€, aber nur für den Notfall. Denn soooo viel würde er ja niemals laufen. Eine auf dem Schulhof abgesteckte Runde war 250 Meter lang.

Glücklicherweise konnte ich mir an dem Tag freinehmen und auch meine Mama kam zum Anfeuern. Sie hatte mich vorgewarnt. Den Maximalbetrag gab es beim Sponsorenlauf meines Halbbruders nicht, sodass sie, als er vor ein paar Jahren seine Runden drehte, einen Anruf erhielt. Die Lehrerin fragte, ob sie nicht den Betrag deckeln wolle, denn ihr Sohn, der – das muss man einfach so sagen – sonst total unsportlich ist, hörte nicht auf zu laufen.

Ich traute M1 ohnehin so einiges zu. Aber was er da letzten Endes geleistet hat, hat mich dennoch erstaunt. Zwischenzeitlich dachte ich, ich hätte ihm den Zweitnamen Forrest geben sollen, fühlte ich mich doch sehr an den Film Forrest Gump zurück erinnert.

Lauf 5 - Lauf, Junge, lauf! (  )Langsam und gemütlich startete M1. Er joggte in gemäßigtem Tempo. Schon vorher hatte ich ihn darauf hingewiesen, dass es ja kein Rennen auf Zeit ist und er sich seine Energie gut einteilen soll. Das klappte auch wunderbar. Als bereits die ersten Klassenkameraden aufgaben, lief er entspannt weiter. Nach den ersten zehn Runden begann er zu schwitzen. Zusammen mit meiner Mama stand ich am Rand und hielt Wasser für ihn bereit. Doch seine Kraft reichte sogar dafür, jedes Mal freudestrahlend bei seiner Klassenlehrerin einzuklatschen. Die Zeit verrann. Ungläubig dachte ich darüber nach, dass Sohnemann mittlerweile schon vier Kilometer gelaufen war. Oder ob ich mich da verrechnet hatte? Das Feld lichtete sich immer mehr. Von den nach ihm gestarteten Erstklässlern war kaum noch eineR dabei.

Lauf 1 300x225 - Lauf, Junge, lauf! (  )Als ein kräftiger Regenschauer einbrach, schmissen nicht nur viele Kinder das Handtuch, auch die meisten Zuschauer gingen rein. Ich blieb fasziniert und stolz im Regen stehen. M1 lief und irgendwie schien es, als liefe er sich etwas von der Seele. Es tat gut, ihn so befreit zu sehen.

Lauf 4 225x300 - Lauf, Junge, lauf! (  )Als weit über eine Stunde um war, und nur noch eine handvoll SchülerInnen ihre Runden drehten, brachen die Lehrer die Aktion ab. Es wurde ausgezählt. Unfassbare 37 Runden, also 9,25km war M1 gelaufen. Ich freute mich für ihn. Nicht, weil er damit einer der Besten war und ganz nebenbei die Rekordsumme von 307€ erlaufen hat, sondern weil ich merkte, was es mit ihm machte. Er war stolz. Er war über sich selbst hinausgewachsen.

Und seitdem läuft mein Großer und ich finde es prima. Er hat da etwas ganz tolles gefunden, was ihn stärkt. Ich freue mich schon darauf, ihm Sonntag beim Lauf der Kindermeile des Oldenburg Marathon zuzuschauen. Um ihn stolz in die Arme zu nehmen, wenn er ankommt. Egal, wie schnell!

Lauf 6 1024x768 - Lauf, Junge, lauf! (  )

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