Wer will schon ein Täter sein?

Es gibt ein Wort, bei dem alle Beteiligten einer Diskussion hellwach werden. Sei es in der Diskussion um das Zähneputzen bei einem Kleinkind. Selbst wenn Eltern bereits hitzig über den vermeintlich harmlosen Klaps auf die Finger debattieren, löst dieses Wort oft noch mehr aus. Oder wenn es um Geburten geht. Sobald jemand das Wort „Gewalt“ in den Raum wirft, kochen die Gemüter richtig hoch.

Die Reaktionen sind unterschiedlich. Manche echauffieren sich, ob des gegen sie gerichteten Vorwurfs. Sie streiten vehement ab, dass es Gewalt sei, wenn sie ihr Kind zum Zähneputzen zwingen. Andere machen sich darüber lustig. Sie halten es für lächerlich, wenn bei einem Klaps von Gewalt die Rede ist. Schließlich verprügeln sie ihre Kinder ja nicht jeden Morgen. Gewalt in der Geburtshilfe wird meist gerechtfertigt durch die medizinische Notwendigkeit des Handels.

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Am Roses Revolution Day legen Frauen weltweit Rosen an dem Ort nieder, wo ihnen Gewalt angetan wurde

Schaut man bei Wikipedia ist die Definition recht eindeutig: „Als Gewalt (von althochdeutsch waltan „stark sein, beherrschen“) werden Handlungen, Vorgänge und soziale Zusammenhänge bezeichnet, in denen oder durch die auf Menschen, Tiere oder Gegenstände beeinflussend, verändernd oder schädigend eingewirkt wird. Gemeint ist das Vermögen zur Durchführung einer Handlung, die den inneren oder wesentlichen Kern einer Angelegenheit oder Struktur (be)trifft.“

Nicht mehr und nicht weniger. Und wem Wikipedia als Quelle nicht taugt, der glaubt vielleicht dem Duden: „1) Macht, Befugnis, das Recht und die Mittel, über jemanden, etwas zu bestimmen, zu herrschen, 2a)unrechtmäßiges Vorgehen, wodurch jemand zu etwas gezwungen wird, 2b) [gegen jemanden, etwas rücksichtslos angewendete] physische oder psychische Kraft, mit der etwas erreicht wird“.

Die meisten verbinden den Begriff „Gewalt“ mit (extrem) brutalen körperlichen Angriffen. Dem ist aber per Definition nicht so. Es geht um Machtausübung jeglicher Form.

Daher ist ein erzieherischer Klaps schlicht und ergreifend Gewalt. Der Erwachsene symbolisiert seine physische Überlegenheit und versucht hiermit das Verhalten des Kindes zu manipulieren.

Es ist ebenfalls Gewalt, einem Kind (oder einem anderen Menschen!) gegen seinen Willen die Zähne zu putzen oder die Haare zu waschen. Warum? Eine Person bestimmt hier über die andere.

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Wer schön sein will, muss leiden? Glaubenssätze hinterfragen lohnt sich.

Und es ist verdammt noch mal nicht nur eine „unschöne Geburtserfahrung“, wenn Frauen unter der Geburt z.B. ohne Einverständnis geschnitten werden. Das ist Gewalt – unter dem Deckmantel des übergeordneten Wohles von Mutter und Kind. Dem Thema „Gewalt unter der Geburt“ widme ich mich auch in meinem Beitrag über den Roses Revolution Day.

Woher rührt also diese große Abwehr, wenn der Begriff „Gewalt“ ins Spiel kommt? Übt jemand Gewalt aus, muss er sich zwangsläufig dem Vorwurf aussetzen, ein Täter zu sein. Wer möchte schon ein Gewalttäter sein? Auf die Frage, ob ein Klaps okay sei, antworten erstaunlich viele Menschen mit dem klischeehaften „Ein Klaps hat noch keinem geschadet“ und tolerieren oder üben gar Gewalt aus. Würde man die selben Leute fragen, ob sie gewalttätig sind, wer würde dies wohl bejahen? Kaum ein Mensch entscheidet sich bewusst dazu, Täter zu werden und gewaltsame Verhaltensmuster an sein Kind weiterzugeben.

Selbstreflexion kann unangenehm sein. Es kann sogar ziemlich weh tun, wenn man sich dahin zurück versetzt, selbst einmal Opfer von erzieherischer Gewalt gewesen zu sein. Denn diese Zuschreibung und das Gefühl mag auch keiner. Niemand möchte Täter und genauso wenig Opfer sein.

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Keiner will Täter, aber auch keiner Opfer sein.

Aber es lohnt sich. Es ist wichtig, seine eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen und Handlungsalternativen zu entwickeln. Muss mein Kind jetzt unbedingt Zähne putzen? Warum ist mir das so wichtig? Gibt es eine andere Möglichkeit (Raumwechsel, spielerisch, es auf später verschieben)? Nur so können wir es unseren Kindern ermöglichen, gewaltfrei aufzuwachsen.

3 Kommentare

  1. Hallo,

    das mag jetzt etwas provokant klingen, aber was ich mich immer öfter frage:

    Geht es denn tatsächlich gewaltfrei im Miteinander?

    Gerade in der Zahnputzfrage gibt es ja häufig das Argument, dass Zähneputzen notwendig sei, das Kleinkind diese Notwendigkeit aber (noch) nicht erkenne und daher grundsätzlich auf das Putzen bestanden wird. Das wäre doch im Grunde auch schon Gewalt, wenn auch unter dem Deckmantel der Fürsorge. Ebenso drängen sich mir die Anregungen wie „Raumwechsel, spielerisch, später“ als manipulatives Verhalten auf – ich will ja doch mein Ziel erreichen und dem Kind „vorgaukeln“, dass es das freiwillig tut. Wo ist da die Grenze zu ziehen?

    Und überhaupt Grenzen: Ist es nicht auch Gewalt, wenn ich versuche, meine Grenzen zu wahren? Im familiären Miteinander müssen ja Grenzen und Bedürfnisse aufeinander abgestimmt werden, aber irgendwer zieht ja immer den Kürzeren, ist da dann nicht auch Gewalt im Spiel?

    Vielleicht sehe ich die Kategorien zu absolut, aber in meinem Kopf zerfasert das immer sehr. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich will meine Kinder gewaltfrei aufwachsen lassen, aber es scheint mir unmöglich. Und auch damit meine ich nicht, dass ich sie regelmäßig verprügel oder dergleichen. Sondern dass ich schon das Gefühl habe, Gewalt anzuwenden, wenn ich versuche, meine Grenzen zu wahren. Weil die ja vollkommen willkürlich sind – zumindest aus Sicht anderer. Das klingt so bescheuert, aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, wo meine Grenzen sind. Ich spüre sie nur indirekt, wenn sie lange genug übertreten wurden. Ich habe aber keine Ahnung, wie ich an sie rankommen soll, weil ich meine Kinder ja nicht einschränken will, in welcher Form auch immer. Und da geht es um so Dinge wie, Mama hat keine Lust auf Spielplatz, weil sie nach drei Wochen ohne Schlaf zu müde ist, um dort rumzutoben und auch nicht die Energie hat, alle Tobeangebote abzulehnen. Für mich scheint es dann eine derart willkürliche Grenze, nicht auf den Spielplatz zu gehen, dass wir dann doch gehen und ich alles mitmache, weit über meine Kapazitäten hinaus, um meinen Kindern nicht mit meiner Willkür zu schaden.
    Gleichzeitig soll solches Verhalten ja auch falsch sein.

    Ach Mensch, ich möchte meinen Kindern nicht schaden, aber je mehr ich „Erziehungsdiskussionen“ folge, desto mehr habe ich den Eindruck, es ist egal, was ich tue, am Ende habe ich gestörte, zerstörte Kinder.

    Ich bin vom Thema abgekommen. Ich bin in einer Familie voller Gewalt aufgewachsen. Das will ich für meine Kinder nicht. Einerseits ist mir klar, was ich nicht will, andererseits scheint es streng genommen ohne ein gewisses Maß an Gewalt bzw. Manipulation nicht zu gehen (um das Kind beispielsweise davon abzuhalten, auf die Straße zu laufen). Oder sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht? Woher weiß ich denn, dass die eine Menge an Gewalt in Ordnung ist, weil ich sie durch einen höheren Zweck (z.B. körperliche Unversehrtheit) rechtfertigen kann und wann nicht (z.B. weil der Verzicht aufs Zähneputzen auch ohne Schäden funktionieren kann)?

    Verwirrte und ängstliche Grüße
    lafrancophile

    1. Liebe Ines,
      die Grenzen von Gewalt sind ganz offensichtlich streitbar und ich befürworte dein Bestreben, deinen Kindern gewaltfreies Aufwachsen ermöglichen zu wollen sehr.
      Die Entscheidung, welche Maßnahmen man für NOTwendig hält, sie mit Machtausübung durchzusetzen, muss letzten Endes jedeR selbst fällen.
      Aber: im Sinne der bedürfnisorientierten Erziehung haben auch die elterlichen Bedürfnisse einen mit dem Alter des Kindes zunehmenden Stellenwert. Es ist okay und sogar in der Vorbildfunktion sinnvoll, seine Grenzen (rechtzeitig) zu wahren. Wenn dies mitunter zu Frust beim Kind führt, kann man das liebevoll begleiten.
      Perfekte Eltern gibt es nicht und egal für welchen Weg du dich entscheidest, du bekommst keine Garantie für lebenslang glückliche Kinder, wenn du den einen oder anderen Weg wählst.
      Ich hoffe, du hast oder findest Eltern, mit denen du dich im realen Leben austauschen kannst. Es ist ungemein hilfreich, sich auch im Miteinander zu erleben, nicht nur zu lesen, wie andere es machen oder denken.
      Du machst mit Sicherheit vieles schon sehr gut und „richtig“.
      Liebe Grüße, Elena

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