Gastbeitrag zur European Babywearing Week: Tragen verbindet über Grenzen

Der Große wollte nicht getragen werden. Er mochte kein Tuch, und auch eine Tragehilfe nur ganz selten. Nicht schlimm, dachte ich, zumal ich mir kurz vor Geburt den Knöchel so fies verstaucht hatte, dass ich den rechten Fuß nach 7 Monaten für 6 Wochen still legen musste. Da konnte er aber schon fast laufen, und das Thema Tragen war völlig von der Bildfläche verschwunden.

Sechs Jahre später hatte meine Schwester ihr drittes Kind bekommen und sich ein Tragetuch angeschafft, um sämtliche Hunderunden, Schultermine und die Kinderturnenleitung halbwegs entspannt zu überstehen. Ich war gerade wieder schwanger und fasziniert: es schien tatsächlich so zu sein, wie die vielen Damen in meiner Filterbubble beschrieben. Das Baby war weitestgehend entspannt, Stillen klappte auch nebenher, die Anschaffungskosten hielten sich im Rahmen. Mein Mann blieb skeptisch angesichts 5 Meter Leinens und des „zusammengefalteten“ Babys. Ich kaufte gebraucht ein klassisches Tragetuch, und als das Baby da war, half meine Schwester mir mit der Bindetechnik. Dazu muss man wissen, dass meine Schwester und ich wenig gemeinsam haben, und uns generell erst seit wir beide Kinder haben näher gekommen sind. Das Tragen schuf eine weitere Gemeinsamkeit. Und, Überraschung: Ich liebte es. Das Baby liebte es. Der Große fand es praktisch, weil er weiterhin an der Hand laufen konnte und wir auch weiterhin den Feldweg zum Kindergarten laufen konnten. Meine Schwester trug inzwischen auf dem Rücken. Freunde hatten uns zusätzliche eine Manduca aufgedrängt, die mein Mann lieber nutzte.

Dann fuhren wir in den Urlaub und stellten nach 600km fest, dass das Tragetuch frisch gewaschen und gebügelt auf dem Küchentisch liegen geblieben war. Erste Panikreaktionen – wir waren immerhin auf dem Weg nach San Marino und hatten keinen Kinderwagen dabei. Das Baby war knappe 5 Monate alt und definitiv zu klein, um längere Zeit auf dem Arm getragen zu werden. Dem Internet sei dank fand ich heraus, dass es in Rimini, an der Ausfahrt Richtung San Marino, einen Secondhandladen für Kindersachen gab. An sich schon eine Rarität in Italien, aber noch dazu hatte dieser Laden ein Tragetuch! Ein italienisches Fabrikat der Marke Quarantasettimane, elastisch, also quasi des Teufels, aber, hey, ein Tragetuch. Immerhin San Marino konnten wir uns am nächsten Tag erlaufen, und am übernächsten Tag wartete ja ein Kinderwagen am Bestimmungsort. Dort die nächste Ernüchterung: der Kinderwagen war zu groß, die Straße zu löchrig, die Bürgersteige unfassbar hoch. Aber wir hatten ja das Tragetuch. Bereits beim ersten Einsatz stellte ich fest, dass Tragetücher in Süditalien noch ungebräuchlicher sind als Secondhandläden: bestenfalls verwunderte Blicke, schlimmstenfalls Verdächtigungen dass Kind ersticken oder zerquetschen zu wollen. Da meine Schwiegermutter sich offensichtlich genierte, mit mir samt Undercut und Tragetuch gesehen zu werden, nahm ich für das Stadtfest den Kinderwagen und eine Mütze mit. Die Mütze war okay, aber der Kinderwagen ein riesengroßes Hindernis. Im Menschengedränge war an ein Vorankommen gar nicht zu denken, das Baby saß mit Blickrichtung nach vorne auf Augenhöhe von Zigaretten, Handtaschen und Hinterteilen, Leute schimpften. Am nächsten Tag ging ich ohne Schwiegermutter und Mütze, mit Tragetuch und Freunden und siehe da: ein fröhliches Baby. Die Menge teilte sich vor uns. Menschen tuschelten, zeigten mit dem Finger auf uns, meine Cousine taufte mich „die neue Dorfattraktion“. Plötzlich eine Stimme hinter mir, tiefster Dialekt, „Sie haben ihre Freundin verloren, die läuft in die andere Richtung, Ihr Känguruhs!“. Ein alter Mann zeigte auf eine Frau, die tatsächlich mit ihrem Kleinkind vor dem Bauch in die andere Richtung lief und mich fasziniert anstarrte. Wir wechselten einen begeisterten Blick, dann trug die Menge uns fort.

Tragenverbindet Katharina - Gastbeitrag zur European Babywearing Week: Tragen verbindet über Grenzen (  )

Zwei Wochen später lungerten das Baby und ich im Foyer eines Theaters rum. Die Nichte hatte eine Tanzaufführung, es war unfassbar heiß im Saal, das Baby wollte im Tuch schlafen, das ging im Sitzen in der Hitze nicht. Eine Theaterangestellte sprach mich an, klassische Hostess, adrett, perfekt geschminkt und frisiert, kein tropfen Schweiß an ihr: „Bist Du die Mamma von Simona?“. In der Annahme, dass sie sich nach meinem Bezug zu den Kindern auf der Bühne erkundigte, antwortete ich: „Nein, ich bin die Tante von Francesca.“ Sie lachte und zupfte am Tragetuch. „Nein, ich frage nur, weil es noch eine von uns geben muss, die Mamma von Simona.“ Sie winkte eine Frau heran, die ein Kleinkind vor dem Bauch trug. „Rosanna, schau, ich dachte, ich hätte sie gefunden, aber das ist nicht die Mamma von Simona.“ Perplex starrte ich Rosanna an, die mich freundlich angrinste. „Nein“, kicherte sie, „das ist eine Touristin aus dem Nachbardorf.“ Sie brach in lautes Lachen aus und da fiel der Groschen. Die Frau vom Stadtfest! Es stellte sich heraus, dass die Theaterdame und sie von ihrer Hebamme zum Tragen gebracht worden waren. Ihnen zufolge sei diese die einzige Tragehebamme im Umkreis von 500km und daher kannten sich alle Tragemütter untereinander. Nur eben die Mamma von Simona, die kannte niemand. Ihre Tragetücher bestellten sie übrigens ausschließlich in Deutschland, mein elastisches fanden sie für langes Tragen ungeeignet, und dass ich ein Wasser-Tragetuch fürs Meer hatte, hoch interessant. Wir vernetzten uns auf Facebook und ich kann sehen, wie ihre Gruppe wächst, wie die Tücher die Trägerinnen wechseln, wie die Kinder größer werden. Nur die Mamma von Simona, die haben sie immer noch nicht gefunden.

Ich danke Katharina für diese schöne Geschichte. Schaut gerne mal auf ihrem Instagram Profil vorbei.

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