Wut beim Kleinkind: Wenn die ganze Familie leidet

Die Theorie ist bekannt. Wut ist eine von vielen Emotionen und gehört zur Gefühlswelt eines Kleinkindes dazu wie alle andern auch. Wut muss begleitet werden. Ein Kleinkind benötigt Unterstützung dabei, seine Gefühle einzuordnen und mit diesen umzugehen.

Erst gestern hat die liebe A. von Beziehungsweise Liebe bei Instagram einen Post hierzu verfasst. Heute früh hat uns dann die geballte Power eines wütenden Kleinkindes eingeholt. Ich wurde wach durch das Schreien meines kleinsten Kindes, welches der Papa gerade geweckt haben musste. Sie tobte und schrie, sie wolle nur von Mama angezogen werden. Ich lag indes schlaftrunken im Bett. Am Vorabend hatte ich noch mit Bauchschmerzen ein Bad genommen und fühlte mich immer noch nicht gesund. Das Gebrüll wurde unaufhaltsam lauter.

Bruder Schwester Kleinkind - Wut beim Kleinkind: Wenn die ganze Familie leidet ( Wut, Kleinkind, Großfamilie, Familienleben, Erziehung, Emotionen, Bindungsorientiert, Begleitung )

Kleinkind, Schwester und Bruder

Nun besteht unsere Familie nicht nur aus diesem Kleinkind und uns Eltern, sondern auch zwei weiteren größeren Kindern. Eines davon teilt sich ihr Hochbett mit der Kleinen. Auch sie hörte ich. Sie rief verzweifelt, ihre Schwester möge bitte leise sein, weil ihre Ohren weh täten. Doch daran war nicht zu denken. Hendrik brachte M3 unter ihrem lautstarken Protest zu mir. Ich wollte sie halten, doch sie schrie immer mehr, trampelte und weinte. So sehr, dass es mich an die absolute Grenze meiner – auch körperlichen – Belastbarkeit brachte. Ich konnte sie nicht loslassen aus Angst, sie würde in ihrer blinden Wut sich oder jemand anderen verletzen. Egal was ich versuchte, ich konnte nicht zu ihr durchdringen.

Ich habe versagt

Erst als ich ihr sagte, ich würde ihr jetzt helfen, sich anzuziehen (was sie ja ursprünglich wollte), wurde ihr Protest kurz leiser. Ich ging also in ihr Zimmer, streichelte die sichtbar erschlagene M2 in ihrem Bett und holte M3s Kleidung. Sie war mir gefolgt und begann sofort wieder zu schreien, denn sie wollte eine Hose ihrer Schwester haben. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte die Große schützen. Ich nahm das schreiende Kleinkind, trug sie ins Schlafzimmer und schrie. Und weinte. Und brach zusammen. Denn natürlich wusste ich, dass das falsch war. Dass die aus meinem Kleinkind sprudelnde Wut ein Hilferuf war.

Mama spürt auch Wut

Doch nun stieß ich einen Hilfeschrei aus. M3 erschrak natürlich für einen Moment. Und weinte dann weiter. Unendlich viel Trauer und Wut vom Kleinkind und seiner Mama paarten sich jetzt auf 9qm. Hendrik kam, um M3 zu holen. Ich ging zu M2, holte sie zu mir ins Bett und kuschelte mit ihr. Ein wenig Kuschelhormone auftanken für mich, und Trost spenden für das Mädchen, das oft unter den für sie noch schwieriger einzuordnenden Emotionsausbrüchen des Kleinkindes in diesem Haus leidet. So lagen wir da, hörten das Kleinkind schreien und versuchten die Geräuschkulisse mit Benjamin Blümchen zu übertönen.

Ein Kleinkind bringt alle zum Weinen

Unten versuchte Hendrik weiterhin die Wogen zu glätten. Unser bald 11-jähriger Sohn, der schon längst am Frühstückstisch saß, weinte beim Schmieren seiner Schulbrote. Er ist ein sehr empathischer Junge, der seine Schwestern wirklich abgöttisch liebt. Nach einiger Zeit verstummte M3 und stürmte schluchzend in Hendriks Arme. Sie grub sich förmlich in ihn ein. Beide weinten. Ein Kleinkind und seine ganze Familie am absoluten Limit.

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Bauchgefühl allein reicht nicht

Heute früh kamen so viele Faktoren auf einmal zusammen, die die Situation so eskalieren haben lassen. In meinem Bauch macht sich meist schon schnell ein Gefühl von Wut breit, sobald es bei meiner Tochter losgeht. Wenn es mir dann auch noch selbst schlecht geht und ich so geweckt werde, ist es schwierig, so zu reagieren, wie es meinem Kleinkind gegenüber angemessen ist. Mir helfen dann die weisen Worte verschiedener Elternratgeber wie z.B. „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn*“ oder die sanften Worte aus Susanne Mieraus Büchern*. Ich brauche dieses Hintergrundwissen, um mir immer wieder vor Augen zu führen, das mein verzweifeltes Kleinkind weder mich noch seine Geschwister quälen möchte – auch wenn es das momentan leider häufig tut.

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Aus diesem Fehler lernen

Heute ist das, was leider ganz tief in mir schlummert hervorgekommen. Das ist nicht okay. Und dafür schäme ich mich, darunter leide ich. Und natürlich auch mein Kind. Doch ich kann es nicht rückgängig machen. Aber ich kann weiter wie bisher sehr intensiv an mir arbeiten, mich belesen und austauschen, um meinen Kindern ein bindungsorientiertes Aufwachsen ohne körperliche und psychische (!) Gewalt zu ermöglichen. Denn auch wenn es kurze Momente des Zweifelns gibt, weiß ich, dass dies für mich der einzig richtige Weg ist. Ich bin überzeugt, aus Menschenkindern, die liebevoll – auch in schweren Momenten – begleitet werden, werden auch später empathische, starke Persönlichkeiten. Das wünsche ich mir für die zukünftige Generation.

Hilfreiche Links

Wirkliche hilfreiche Impulse zur eigenen Regulation gibt es bei Ruth von „Der Kompass“: Wie du deine Wut besiegst, Alternativen zum Anschreien.

Aida von „Elternmorphose“ bietet einen guten Überblick darüber, was Wut eigentlich ist.

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