Elternschule: was ich noch sagen wollte

Leider ist Herr Langer zur gestrigen Filmvorführung in Oldenburg nicht gekommen. Das ist bedauerlich, denn ich wollte ihm gerne etwas sagen. Wobei, so ganz stimmt das nicht. Ich wollte dem Publikum etwas mitteilen. Diese Chance hat Herr Langer mir genommen, denn die Diskussion fiel durch seine Abwesenheit aus.

Doch ich habe es mir nicht nehmen lassen, mich während des Abspanns der Dokumentation Elternschule vor die Leinwand zu stellen und mich kurz an die Zuschauer zu wenden. Hier möchte ich nun allen, die gerne wissen möchten, was ich eigentlich sagen wollte, meinen Text zur Verfügung stellen. Mein Angebot, sich bei Fragen an mich zu wenden, besteht weiterhin. Ich vermittle lokal gerne an Beratungsstellen, Kurse oder Angebote für Eltern, für die es mit ihrem Baby oder Kind anstrengender ist, als erwartet. Literaturtipps habe ich auch parat. Ebenso ist pädagogisches Personal herzlich dazu eingeladen, mit mir ins Gespräch zu kommen.

Hier nun mein Originaltext für den gestrigen Abend:

„Ich möchte mich erst einmal herzlich beim Casablanca für die Einladung zur Podiumsdiskussion bedanken. Dass diese leider doch nicht stattfinden durfte, bedaure ich, freue mich aber, jetzt ein paar Worte sagen zu können.

Herr Langer, ich heiße sie herzlich Willkommen in Oldenburg, einer grünen und vielfältigen Stadt. Bevor gleich sicher eine mitunter emotionsgeladene Diskussion beginnt, bei der sie auf kritische Fragen hoffentlich gute Antworten haben, möchte ich mich noch an das Publikum wenden.

Vorweg möchte ich klarstellen, dass ich absolut nachvollziehen kann, dass maßlos übermüdete Eltern sich Hilfe suchen. Schlafentzug ist nicht umsonst eine Foltermethode. Ein Kind, das dauerhaft schreit, ist eine riesige Belastung. Es ist richtig und wichtig, sich Unterstützung zu holen, wenn man am Ende seiner Kräfte ist.

Für diejenigen, die das Abenteuer Elternschaft noch vor sich haben oder mittendrin stecken, möchte ich ein paar Aussagen des Films richtigstellen, damit Sie nicht denken, Ihr ganz normales Baby sei kaputt.1

Es ist vollkommen normal und gesund, wenn ein Baby nicht allein einschläft und vor allem nicht durchschläft. Die Hirnentwicklung, die größtenteils in der Nacht stattfindet braucht besonders diese leicht unruhigen Schlafphasen, in der Erlebtes verarbeitet wird und vor allem auch Futter – in der Nacht! Zu lange erzwungene Tiefschlafphasen erhöhen das Risiko des Plötzlichen Kindstodes.² Es ist also grob fahrlässig, dieses Schlafverhalten von Kindern zu pathologisieren und zu manipulieren.

Wie man mit dieser Art des Schlafmangels umgeht, ist eine andere Frage. Hier hilft manchen bereits der Austausch mit anderen, es gibt gute Literatur zum Thema zum Beispiel von Nora Imlau* oder  SchlafberaterInnen, die mit darunter leidenden Familien individuelle Lösungswege erarbeiten.

Ein weiterer Punkt, der mir ganz wichtig ist: Säuglinge und Kleinkinder können nicht manipulieren. Das ist eine Unterstellung, die mit dem aktuellen Stand der Hirnforschung in keinster Weise übereinstimmt. Manipulation setzt die Fähigkeit voraus, sich in andere hereinversetzen zu können. Die entsprechenden Hirnareale hierzu sind bei Kindern erst mit ca. 4 Jahren ausgebildet bzw. in Betrieb.³ Weinen hat immer eine Bedeutung. Jemanden seine Gefühle in Abrede zu stellen, ist weder bei Kindern noch bei Erwachsenen eine angemessene Reaktion auf einen Hilferuf. Siehe #metoo!

Werbung

Die mehrfach benannte Regulationsstörung wie im Fall des Mädchens, welches sich nur unter Protest von Dr. Lion untersuchen lässt, ist ebenso völlig normales Verhalten eines Kindes gegenüber einer fremden Person. Der Teil des Nervensystems, der für die Eigenregulation zuständig ist, wird erst spät in der Schwangerschaft angelegt und entwickelt sich noch lange über die Geburt hinaus weiter. In der Dokumentation wird das benannt als ‚Kinder können nur Alarm‘. Das stimmt gewissermaßen, Säuglinge sind aufs Überleben getrimmt und bedienen sich daher vorrangig des sympathischen Nervensystems, welches hierfür zuständig ist. Um das Runterfahren selbst bewusst steuern und nutzen zu können benötigt ein Kind Co-Regulation, also die Beruhigung von außen. Nicht ein Alleinlassen, bei dem das System mit einem Not-Aus reagiert. Es kostet das Kind schlichtweg zu viel Kraft unendlich weiter zu kämpfen. Es resigniert.4

Zu dieser Szene möchte ich außerdem hinzufügen, wie gefährlich das Vorgehen an dieser Stelle im Sinne der Prävention von sexuellem Missbrauch ist. Das Kind möchte seine körperlichen Grenzen wahren und die Mutter wird angeleitet auf ihr Rufen mit Rückzug zu reagieren. Sehr gefährlich!

Tatsächlich ist es möglich, das sieht man hier in der Dokumentation ja auch sehr eindrücklich, auf all diese kindlichen Verhaltensweisen Einfluss zu nehmen. Man kann die Symptome am Kind durch verhaltenstherapeutische Maßnahmen verändern. Die Frage, die sich jedeR Einzelne aber stellen sollte, ist: was wünsche ich mir für mein Kind? Was möchte ich ihm fürs Leben mitgeben und vor allem auch, was brauche ich wirklich, um die mitunter sehr belastende Situation mit diesem orientierungslosen Wesen bewerkstelligen zu können?

Hierfür gibt es immer mehr großartige Literatur, Kurse und Gruppen, sowie Beraterinnen und Anlaufstellen. Ich freue mich, wenn jemand anschließend noch Fragen hat, weiter zu helfen.

Dankeschön.“

abenteuer baby berge 286625 - Elternschule: was ich noch sagen wollte ( )
Foto von Pexels (Josh Willink)

1 Diesen Gedanken hatte Diana Schwarz zunächst, woraufhin sie nach einiger Zeit zusammen mit Frauke Ludwig Einfach Eltern® und daraus das Kurskonzept BabySteps® entwickelte. Ihr umfassendes Buch Baby Basics* erschien vor Kurzem.

² Diese Aussage ist natürlich sehr verkürzt dargestellt, es geht um das Zusammenspie der verschiedenen Schlafphasen. Genaue Risikofaktoren für das SIDS werden auf Rabeneltern.org beschrieben.

³ Hierzu empfehle ich weiterzulesen in Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn*. Dort wird das mit der Hirnentwicklung viel genauer und dennoch gut verständlich, mit vielen Beispielen aus dem Alltag mit Kind, beschrieben.

4 Über das Nervensystem hält Traumatherapeutin Christiane Patjens beeindruckende Vorträge. Ich durfte sie zuletzt auf dem Attachment Parenting Kongress dazu hören. Ihre Präsentationen stellt sie freundlicherweise auf ihrer Homepage zur Verfügung.

⇒ Aufgrund entsprechender Nachfrage gibt es die Kernaussagen des Artikels nun auch zum Ausdrucken und Verteilen: WickelakrackElternschule.pdf

*Affiliate Link, als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Käufen

externe Werbung



Mehr davon?

Lauf, Junge, lauf! Ein ganz besonderer Gänsehaut Moment meines Mama Daseins ereignete sich im Sommer 2015. Die Schule von M1 hatte zu einem Sponsorenlauf aufgerufen. Für...
Rabatte und Aktionen zur Stoffwinde... In diesem Interview mit Leen von Fratzhosen: erhalten Wickelakrackleser einen exklusiven Rabatt - gültig bis 31.12.2018! Die Stoffwindelwoche 2017 is...
Mit dem Auto unterwegs: ein Rant Ich weiß, dass dieser Text nicht die erreichen wird, die es lesen sollten. Selbst wenn sie es lesen, es wird sie nicht erreichen. Aber ich bin sauer u...
Fußball Haie, wie spät ist es? Bücher des Monats Mai 2017 M2 (4;7 Jahre) stellt vor: Felix, wie spät ist es?* So M2, welches ist denn dein Buch des Monats, was du uns heute zeigst...

5 Kommentare

  1. Liebe Elena,
    ich möchte dir ebenfalls danken! Du sprichst mir aus der Seele. Wie wichtig, dass du dort warst.
    Viele Grüße
    Merle

  2. Moin,

    da bin ich aber froh, das Sie den Text nicht vortragen konnten

    Vorweg, man darf nicht vergessen, das es sich hier um eine Stationare Kinder Psychatrie handlet. Wo Eltern hinkommen die beteits vorab schon alle ambulaten Therapie Möglichkeiten durchlaufen haben.

    Und dort mit den Eltern zusammen aufgengenommen werden. ( was nicht überall so ist)

    1. Uns wurde die Möglichkeit genommen, sich mit dem Team zuunterhalten weil, er aufgrund von massiven Beschimpfungen und drohenden Gewaltattaken von Seiten Kritikern ( die teils den Film noch nicht einmal gesehn haben) . Es nicht möglich war zu kommen

    Diese möglichkeit, haben uns gewaltbereite Mitmenschen genommen. – genau die, die gegen Gewalt sind.

    Zu dem Punkt: schreiende Kinder bei der Eingangsuntersuchung, ja sicher ist das normal.
    ( das Blutabnehmen oder der Picks bei einer Impfung) wollen babys auch nicht. Und es wird gemacht. Zudem sagt er nicht, du hast gerade eine regulationsstörung.

    Sie sagen man kanm das auch verhaltenstherapeutisch behandeln, diesen Weg, die ambulate Therapie haben sue bereits hintersich, ohne Erfolg.

    Am ende Ende möchte ich dem Team nochmal ein Dank ausprechen, das in der ganzen Zeit nie was von Medikamentösen Einstellung gesagt wird , was auch nicht normal ist.

    Und ich denke mit absprache des Kinos, hätten sie Ihre Meinung durchaus mit den Besuchern teilen können.
    Mit freundlichen Grüßen

    Marina

    Der link ; hier wird zu den Anschuldigungen Stellung genommen, da es ja nun nicht möglich war.

    https://www.cinema-arthouse.de/kino/wp-content/uploads/2018/09/elternschule_faq_181018.pdf

  3. Ich habe den Film gesehen und ich denke, was an der Klinik für die Eltern gut ist, ist dass sie dort eine Lösung aus einer Hand bekommen, die anscheinend in vielen Fällen funktioniert. Und so wie ich es verstehe von der Krankenkasse bezahlt (?) – also ohne finanzielle Belastung. Vermutlich haben die Eltern schon vorher alles Mögliche probiert und gelesen (sofern sie denn Zeit zum lesen finden). Die im Film gezeigten Methoden kann ich auch nicht alle nachvollziehen – insbes. dieses Trennungstraining und erzwungenen Spaziergänge. Aber gibt es für solche verzweifelten Familien derzeit eine Alternative? Eine Einrichtung, von mir aus gerne nach attachment parenting Prinzipien, bei der die Eltern aus einer Hand praktische Hilfe bekommen, ggfs. mal ein bisschen Schlaf tanken können und das Ganze auch noch für die Familien finanzierbar? Vermutlich nicht. Vielleicht könnten Sie ja etwas Derartiges initiieren.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Damit bin ich einverstanden.