Die lange Eingewöhnung

Jedes Kind ist anders. Dieser Satz, so banal er auch ist, kann Eltern in der Auseinandersetzung mit dem Thema Eingewöhnung in die Kindertagesstätte helfen. Auch das pädagogische Fachpersonal sollte sich hieran immer wieder erinnern. Ja, es gibt vieles, in dem sich Kinder ähneln. Ja, Erzieherinnen haben mitunter viele Jahre Berufserfahrung, in denen sie viele Kinder begleiten durften. Aber trotzdem gilt: Euer Kind ist wie kein anderes zuvor. Und desweiteren gilt: Ihr seid die Experten für euer Kind.

Dies ist ein wichtiger Satz, den ich während meiner Ausbildung zur Erzieherin gelernt und verinnerlicht habe. In der Theorie wissen wir mit Zeugnisübergabe ganz viel über die kindliche Entwicklung, aber jede Mutter und jeder Vater kennt sein eigenes Kind am besten. Zum Zeitpunkt meiner Ausbildung war ich bereits Mutter eines Sohnes, umso mehr hat sich dieser Glaubenssatz bei mir eingebrannt.

Daher gilt selbstverständlich bei der Eingewöhnung, dass ihr am besten wisst, wann zum Beispiel der richtige Zeitpunkt für die erste Trennung gekommen ist. Ich weiß von vielen Müttern, welche die Eingewöhnung mit einem starken Vertrauen in die Betreuungskräfte beginnen. Das ist auch richtig, gegenseitiges Vertrauen ist enorm wichtig auf dem Weg zu einer gelingenden Erziehungspartnerschaft. Doch viel mehr Bedeutung hat es, dass ihr euch und eurem Kind vertraut. Hör auf euer Gefühl.

Warum Bindung der Schlüssel ist

Es gibt verschiedene Arten von Bindung. Ganz grob unterteilen kann man in sichere und unsichere Bindung. Wer mit seinem Kind den Weg bindungsorientierter Erziehung lebt, gibt seinem Kind ein starkes Gefühl von Sicherheit mit auf den Lebensweg. Sicher gebundene Kinder bekommen von ihren Eltern konsequent Resonanz auf ihre (Gefühls-)Äußerungen. Sie dürfen erfahren, dass ihre Bindungsperson verlässlich für sie da ist.

In Zusammenhang mit der KiTa Eingewöhnung ist vor allem das Trennungsverhalten sicher gebundener Kinder von Interesse. Diese Kinder reagieren nämlich in der Regel mit starkem Protest unter anderem in Form von Weinen auf den Abschied von Mutter oder Vater. In dieser Situation sind sie Stress ausgesetzt. Kehrt die Bindungsperson zurück, lassen sie sich wieder beruhigen.

Man hat richtigerweise diese Bindungstheorien erkannt und daraus ein weit verbreitetes Eingewöhnungsmodell (das sogenannte „Berliner Modell“) entwickelt. Man geht hier davon aus, dass das Kind zunächst eine tragende Bindung zu der Tagesmutter oder Erzieherin aufbauen muss. Eine gute Bindung entsteht, wenn sich das Kind sicher und geborgen fühlt, also in der Anwesenheit eines Elternteils.

Ein ganz großer Knackpunkt sind jedoch die hierfür vorgesehenen Zeitfenster. Zahlen sind im Blick auf Kinder selten gute Ratgeber. Viele Einrichtungen halten sich unter anderem realtiv streng an den vorgesehen Trennungsversuch am vierten Tag (manchmal sogar früher).

Das liegt an verschiedenen Faktoren. Zum Einen ist es organisatorischen Umständen geschuldet, dass vermeintlicher Zeitdruck entsteht. Unter Umständen müssen in einer Krippe innerhalb weniger Wochen fünf bis zehn Kinder eingewöhnt werden. Außerdem entsteht mitunter Leistungsdruck. Eine lange Eingewöhnung betrachtet manches Fachpersonal als Misserfolg. Auch Eltern und Verwandte fragen sich, was wohl schief läuft.

Was erwarten wir eigentlich?

Der Fehler liegt wie so oft im System und an den falschen Erwartungen. Als Eltern haben wir nur bedingt Einfluss auf Ersteres. Wir können aber durch Vorgespräche mit der Einrichtung und durch entsprechende Gestaltung unserer Lebensumstände hier ansetzen. Ist es z.B. denkbar, erst recht spät einzusteigen, wenn ein Großteil der Kinder bereits eingewöhnt ist? Oder kommen wir ab einem frühen Zeitpunkt, aber eventuell zu einer anderen Tageszeit?

Als Erzieherin in einer Krippe habe ich z.B. mal ein Kind einer Ganztagsgruppe am Nachmittag eingewöhnt. Das war zwar ungewöhnlich, aber für alle stimmig. Die Mutter konnte so ihr Studium wieder aufnehmen. Ihr Kind hatte am Nachmittag bei geringer Kinderzahl meine volle Aufmerksamkeit, sodass der Bindungsaufbau ungehindert stattfinden konnte.

Die eigene Erwartungshaltung kann man überprüfen, indem man sich vorab mit dieser Zeit des Umbruchs auseinandersetzt. Klar ist: bis eine Bindung zwischen Kind und einer bis dato fremden Person entsteht, vergeht durchaus viel Zeit. Ähnlich wie bei der Nachfrage aus dem Umfeld, ob das Kind denn mittlerweile durchschlafe, hilft hier ein dickes Fell oder eine freche Antwort auf den Lippen.

Hierbei ziehe ich gerne den Vergleich zum (Ein-)Schlafenlernen. Bindung ist nichts Konstantes. Ähnlich wie an einer Ehe oder Freundschaft muss daran gearbeitet werden. Hat man nun also die Erwartung, schnellsmöglichst das Kind in der Kindertagesstätte verabschieden zu können und lange dort zu lassen, so kann man das tun. Es wird funktionieren, ebenso wie das Kind auch irgendwann schläft, wenn es alleine zurück gelassen wird. Doch der Preis dafür ist hoch. Man bezahlt mit der über lange Zeit entstandenen sicheren Bindung zwischen sich und dem Kind.

Eine gelingende Eingewöhnung: was hilft?

Ein Kennenlernen vorab, in dem wie oben erwähnt Ablauf und Erwartungen an die Eingewöhnung besprochen werden, sollte selbstverständlich sein. Hierbei werdet ihr merken, ob eure Idee und die der Einrichtung oder Tagesmutter übereinstimmen. Es ist nie genau vorhersehbar, wie die Eingewöhnung tatsächlich verläuft, aber schon einmal gemeinsam darüber zu sprechen, hilft.

Die Zeit der Eingewöhnung stellt einen massiven Umbruch für eure Kinder dar. Versucht möglichst parallel keine anderen Veränderungen zu erwirken. Es ist zum Beispiel weder notwendig noch sinnvoll euer Kind abzustillen, wenn es in die Betreuung geht. An der Brust kann es die Anstrengung des Tages sicher und geborgen verarbeiten. Der Wegfall dieser Beruhigungsmethode ist in dieser Zeitspanne eine zusätzliche Belastung.

Lasst euch nicht verunsichern. Selbst wenn 99 von hundert Kindern nach zwei Wochen erfolgreich in der Krippe oder im Kindergarten betreut werden, darf es bei euch trotzdem zehn Wochen dauern. Jedes Kind ist anders und ihr kennt euer Kind am besten. Gebt euch und eurem Kind die Zeit, die ihr braucht. Plant vorher so, dass das möglich ist und sollte es doch schneller gehen, versucht die Zeit zu nutzen und genießen.

IMG 4617 1024x683 - Die lange Eingewöhnung ( Tagesmutter, Krippe, KiTa, Kindergarten, Eingewöhnung, Bindung, Bedürfnisorientiert )

Seid flexibel und stellt euch auf Misserfolge ein, welche auch nach längerer Zeit auftreten können. Ihr seid und bleibt für euer Kind die Nummer eins. Womöglich kann euer Kind keine Beziehung zu Erzieherin A aufzubauen und die zweite pädagogische Fachkraft springt ein. Auch nach längst erfolgter Eingewöhnung kann es immer wieder zu Rückschlägen kommen. Seid da für euer Kind.

Erfahrungen aus der Praxis

Sowohl in Elternkreisen als auch unter Pädagogen ist bindungsorientierte Erziehung bzw. Beziehung zum Kind weniger verbreitet, als man vermuten mag, wenn man sich gerne innerhalb seiner Filterblase bewegt. Für viele Familien ist der Weg ein anderer als der hier beschriebene. Die Eingewöhnung muss schnell verlaufen. Andere Dinge spielen eine größere Rolle, schon in den Monaten davor. In unserer Gesellschaft ist vieles auf Funktionalität und Effizienz getrimmt, das macht vor Kleinkindern nicht halt.

Ähnlich ist es bei pädagogischem Fachpersonal. Wie eingangs erwähnt, wird zukünftigen Erzieherinnen viel gelehrt. Doch Feinfühligkeit und Empathie sind nur bedingt lernbar. Auch der Blick aufs kompetente selbsbestimmte Kind geht zwischen Orientierungs- und Bildungsplänen häufig unter. Aber das ist nicht zwingend der Fall. Es gibt liebevolles, hochqualifiziertes Personal, ebenso wie ich schon Kolleginnen ganz anderer Art erlebt habe.

Für einige Fachfrauen ist es nicht leicht, wenn jemand einem erzählen möchte, was „richtig oder falsch“ ist. Sie fühlen sich auf den Schlips getreten. Doch dieses Verhalten ist höchst unprofessionell, ebenso wie die Haltung mancher Erzieher, dass die ganze Arbeit ohne die Eltern doch viel angenehmer wäre.

Eltern trauen sich meist nicht, etwas zu sagen, da sie schließlich ausgebildetem Personal gegenüber sitzen. Traut euch! Ihr seid die Fachpersonen für euer Kind. Ihr begleitet es dabei, in einer Einrichtung anzukommen, in der es zukünftig viel Zeit verbringen sollen. Die KiTa stellt ein familienergänzendes Angebot dar. In eurem Sinne und dem des Kindes, gönnt euch einen sanften Start.

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Ein Kommentar

  1. Danke für diesen schönen Beitrag. Das hat mir geholfen! Mein Kind ist seit 6 Wochen in der Krippe. Sie war die ersten zwei Wochen sehr gerne dort, obwohl ich mich selbstverständlich verabschiedet habe, und ich war sogar bis 50 min. weg. Irgendwann hat sie wirklich verstanden, dass eine Trennung stattfindet und weint sehr viel, wenn ich gehe. Heute war ich 20 min. weg und sie war nicht gut zu trösten, meinten die Erzieher. Ich verliere manchmal den Mut, dass es klappen kann und die Erzieher geben mir den Eindruck, dass sie es auch tun. Das hilft mir gar nicht. Ich habe das Gefühl, dass mein Mädchen ein sehr freundliches Kind ist und bei der Krippe in meiner Anwesenheit sehr viel Spaß hat. Mir hilft zuversichtlich zu bleiben und hätte mir gewünscht, dass die Erzieher mir dies auch suggerieren. Liebe Grüße, Clara

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